AUF DIE SEKUNDE GENAU

Readers Digest, April 2014

Das Handy hat die Armbanduhr als Zeitmesser längst abgelöst. Dennoch boomt die Uhrenindustrie. Unser Autor hat sich auf die Spuren eines Handwerks begeben, das eigentlich keiner mehr braucht.

Readers Digest Uhren© kellenbergerkaminski.ch

„Dieses Uhrwerk wird den Test nicht bestehen“, sagt die Frau in der Laborschürze knapp. Auf dem Bildschirm vor ihr leuchtet ein Feld rot auf. Die Frau verzieht keine Miene. Im Schnitt fallen gut fünf Prozent der Uhrwerke durch die offizielle Chronometer-Prüfung. Schon sind die nächsten Uhrwerke im Fokus der Kameras, die in Sekundenschnelle die exakte Position der Zeiger erfassen. Diesmal erscheinen nur grün leuchtende Felder auf ihrem Monitor, in dieser Serie funktionieren alle Werke korrekt. Nicht weniger als 39’350 Uhrwerke werden an diesem Tag in Le Locle im Neuenburger Jura in einem der drei Labore der „Contrôle Officiel Suisse des Chronomètres“, kurz COSC, auf Pünktlichkeit kontrolliert. Es ist ein Massengeschäft.
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ALLAHS ANLAGEBERATER

NZZ Folio, März 2014

Für Muslime, die ihre Finanzen im Einklang mit der Scharia regeln wollen, gibt es das islamische Banking. Seine ethischen Prinzipien könnten für alle Banken vorbildlich sein – heisst es sogar aus dem Vatikan.

Aufmacherbild NZZ Folio Islamic Banking© Marc Henley

Zinsen? Des Teufels! Spekulation? Eine Sünde! Exorbitante Renditen? Unmoralisch! Leerverkäufe? Verboten! Was sich anhört, als sei es ein auf dem Höhepunkt der Finanzkrise formuliertes Rettungsprogramm, sind die Regeln des islamischen Bankings. Und diese sind um einiges älter als die Reformvorschläge für die Finanzmärkte. Das Bankgeschäft, das sich von der Scharia ableitet, dem Koran und den Überlieferungen des Propheten Mohammed, wurzelt im 7. Jahrhundert.
So weit der Rechtsrahmen des Islams auch zurückreicht, das islamische Banking ist längst im 21. Jahrhundert angekommen. Kaum ein ausgefallenes Produkt der konventionellen Finanzindustrie, das heute nicht auch in einer Scharia-konformen Variante angeboten wird, von Fremdwährungsswaps bis zu strukturierten Produkten. Weder das Verbot von Riba, arabisch für Zins oder Wucher, noch die Ablehnung von Gharar, auf deutsch Spekulation, haben verhindert, dass unlängst der erste Junk Sukuk, eine islamische Anleihe mit einer irritierend hohen Rendite, angekündigt wurde.
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SCHIENENGLÜCK UND ANDERE HOCHGEFÜHLE

Kolumne in «2030 – Das Magazin für Zürichs Zukunft» zur Netzentwicklung der VBZ, 2014

VBZ Linienplan
© VBZ

Schlage ich die Zeitung auf und lese von einer Erweiterung des Zürcher Tramnetzes, werde ich neidisch. Weshalb, frage ich mich, habe ich meine Stelle als Tramführer aufgeben und konzentriere mich auf das Schreiben? Natürlich vermisse ich nicht alles, was mit dem «Pilotieren von Tramzügen» zusammenhängt, wie es inzwischen bei den VBZ trendig heisst. Die Fahrt mit dem Velo ins Depot bei Starkregen – morgens um halb fünf, wenn noch keine Trams unterwegs sind – am wenigsten.
Um was ich meine alten Kolleginnen und Kollegen aber geradezu beneide: um die neuen Strecken. Das elegante Viadukt beim Glattzentrum (wo Auto- und auch Velofahrer Distanz halten). Die Verlängerung zum Flughafen (wo sich Kerosin, dieser Duft der Ferne, schnüffeln lässt). Und die schienentechnische Meisterleistung bei der Station Opernhaus. Vollkommen unbemerkt von der Öffentlichkeit ist hier, vor vier Jahren schon, eine einzigartige Weiche verlegt worden: Bevor es vom Seefeld her rechts zum Bahnhof Stadelhofen geht (leider nur in Ausnahmefällen, im regulären Betrieb wird der kurze Abschnitt nicht befahren), da werden die Geleise erst elegant nach links geführt. Anders gesagt: Die Fahrzeuge müssen ausholen. Hier möchte ich mit der Linie 2 eine Umleitung fahren und mit dem Tram kurz auf die Gegenspur ausweichen. Ein bisschen so, wie es die eléctricos in den engen Gassen Lissabons tun, diesem Mekka der Tramschienenkunst.


SEHNSUCHT GRÖNLAND

Begleittext zur Ausstellung «Weisses Rauschen – Aus der Eisfabrik» im Engländerbau in Vaduz, Januar 2014

Von Völkerschauen und anderen Formen des Nichtreisens.

Weisses Rauschen Sehnsucht Grönland Rohner Kradolfer© Mirjam Kradolfer und Stefan Rohner

Was für eine Szenerie: Der Eskimo, hagere Gestalt, gegerbtes Gesichts, setzt das Kajak behutsam aufs Wasser, zwingt sich durch die Öffnung, zieht die aus Seehundleder gefertigte Jacke darüber. Sollte er kentern, darf kein Wasser in das mit Fell bespannte Boot dringen. Auch an den Händen und am Hals hat er die Kleidung fest verschnürt, wie es in Grönland seit Jahrhunderten Tradition ist. Zwei, drei Paddelschläge genügen, um Fahrt aufzunehmen. Die aus Knochen geschnitzte Spitze der Harpune, die er bereithält, glänzt im fahlen Sonnenlicht, was seiner am Ufer stehenden Frau nicht entgeht. Ihre Blicke folgen dem Boot, ganz so, als würde sie jeden Augenblick damit rechnen, dass ihr Mann Beute macht. Dicht daneben ein paar Hundert Zuschauer, erwartungsvoll auch sie, ein Drängeln und Schubsen. Nur wenig fehlt und die Vordersten würden ins Wasser gestossen.
Doch die Menschenmenge wartet vergeblich darauf. Hier wird kein lebloser Seehund an Land gebracht und der Länge nach aufgeschnitten, kein Fett, das hervorquellt, und keiner der Hunde, die dahindämmern, wird bellen und an der Leine zerren. Denn: Jagd wird hier nur zum Schein gemacht. Der Seehund ist nur imaginiert, der Meeresarm ist bloss ein Teich, Grönland findet im dreitausend Kilometer entfernten Zoologischen Garten von Berlin statt. Willkommen in der grossen Eskimoschau.
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EINE FREUNDLICHE NÖTIGUNG

NZZ Folio, September 2013

Künstler lassen sich ein Projekt finanzieren, Kranke eine medizinische Massnahme, Firmengründer ihr Start-up. Crowdfunding ist der neue Weg, sich über das Internet Geld zu beschaffen.

Crowdfunding NZZ Folio

 © Davide Zamberlan

Der letzte Betrag wurde 13 Minuten vor Ablauf der Zeit überwiesen. «Die Kunst dankt», postete Heinrich Gartentor daraufhin. Anderthalb Monate zuvor hatte der Berner Künstler begonnen, Geld für eine von ihm kuratierte Ausstellung zu sammeln. 100 Minuten vor Schluss fehlten noch 440 der benötigten 4000 Euro. Damit das Projekt über die Ziellinie kam, brauchte es einige Hilferufe Gartentors auf Facebook. Und einen kleinen Trick: Unter einem Pseudonym überwies seine Frau Geld, das mündlich zugesagt worden war.
13 Minuten – bezogen auf die Laufzeit von 45 Tagen von Gartentors Spendenaufruf entspricht dies 3 Hundertstelsekunden im Lauberhornrennen. Dass der Ausgang beim Crowdfunding spannend sein kann wie im Skiweltcup, rührt daher, dass es auch hier ums Gewinnen geht. Alles oder nichts, heisst der Grundsatz dieser noch jungen Form der Kapitalbeschaffung übers Internet. Erreicht ein Projekt nicht den ganzen Betrag, gehen die Initianten leer aus, die Geldgeber erhalten ihren Einsatz zurück.
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DIE ENTEISUNG GRÖNLANDS 2.0

Kultur-Tipp, Juli 2012

Carte Blanche über Klimaexperimente in der Arktis.

Grönland Eisschmelze

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Auf der Erde wird der Platz knapp, es droht Hunger, Menschenmassen flüchten. Damit die Städte «ihren Menschenüberfluss» abwerfen können, ist ein neuer Erdteil nötig. Der Plan, den Ingenieure und Physiker in Alfred Döblins Roman «Berge Meere und Giganten» aushecken, ist verwegen: Grönland soll vom Eis befreit werden. Die erforderliche Hitze, um den Eispanzer aufzutauen, liefern die grossen Vulkane Islands. Hekla, Katla, Herdubreid, sie alle werden gesprengt, ihre Glut auf Frachter und damit an die Küste Grönlands gebracht, wo heisse Schleier aus den Schiffsbäuchen strömen und sich über den Kontinent legen. Und tatsächlich, die Gletscher werden bezwungen. «Die Hitze rieselte in ihre Eingeweide. Die Firne stemmten sich auseinander, Luft saugten sie auf. Ihre Hohlräume, von Wasser plätschernd, erweiterten sich wie Lungen.»
Alfred Döblins 1924 erschienener Text ist masslos. Ein expressionistischer Science-fiction, ein Parforceritt durch Kontinente und Jahrhunderte. Bis ins 27. Jahrhundert führt uns der Autor. Und doch sind einem viele der apokalyptischen Skizzen inzwischen vertraut. Was Döblins als Klimaexperiment ausbreitet, nennt sich heute Geo-Engineering. Bloss die Vorzeichen haben sich umgekehrt: Statt das Eis zu schmelzen, wollen es Klima-Ingenieure jetzt erhalten.
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DIE NIMMERMÜDEN

NZZ Folio, Juli 2012

Die Senioren sind für die Wirtschaft besonders attraktiv: Sie haben Geld, Zeit und bleiben immer länger gesund. Und keine Konsumentengruppe wächst so schnell wie sie.

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© Suzanne Schwiertz

Gabriela Rickli-Gerster steht für die Credit Suisse in einem Loft in Hamburg vor der Kamera, sie macht Werbung für den Wäschehersteller Wolford und das Schmuckunternehmen Swarovski, sie lässt sich in Spanien für den Modekatalog von Hessnatur fotografieren. Neben ihren Massen (89-70-94) stehen auf ihrer Website auch Haarfarbe und Jahrgang. Grau, 1954.
Mit 57 und leuchtend silbergrauen Haaren ein gefragtes Fotomodell zu sein, das wäre damals, als Rickli-Gerster ihre Karriere begonnen hatte, nicht möglich gewesen. Mit 20 war sie für Dior und Chanel über den Laufsteg gegangen. «Da war ich makellos, aber nur eine Hülle. Heute werde ich für das gebucht, was als Makel gesehen wird, die grauen Haare und ein paar Falten. Die Konsumentinnen haben es offenbar satt, Antifaltencrème von Teenagern präsentiert zu bekommen.»
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KREBS IN DER SEELE

NZZ Folio, Januar 2011

Das Leiden psychisch Kranker ist für Aussenstehende oft schwer begreifbar. Viele Betroffene verlieren alles: Partner, Kinder, Freunde und Arbeit. Vier Schicksale.

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Regina, 43, leidet seit 23 Jahren an einer Depression. Sie hat mehrere Suizidversuche unternommen und ist arbeitsun­fähig. Zum Zeitpunkt des Gesprächs befand sie sich in der Psychiatrie.
«‹Instabile Persönlichkeit› lautete die Diagnose. Das war 1988, nach meinem ersten Selbstmordversuch. Ich war 21 und hatte 80 Tabletten Fingerhut geschluckt. Das nötige Gegengift mussten sich die Ärzte in Westberlin besorgen. Ich bin im Osten Deutschlands aufgewachsen. Nach zwei Monaten arbeitete ich wieder als Krankenpflegerin. Das zweite Mal tat ich es im Jahr darauf, nach einem Flugzeugabsturz in meiner Nähe. Unser Spital war für den Flughafen Schönefeld zuständig, wo es passiert war, ich arbeitete auf der Intensivstation. Mein Bruder hat den Absturz auch nicht ertragen, er war bei der Feuerwehr und sah die verstümmelten Leichen. Danach erhängte er sich. Das liegt bei uns in der Familie.
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«IM SCHNEEREGEN» – REZENSIONEN

Ein stilles, präzises, sehr schönes Buch».
NZZ am Sonntag, Februar 2010

Schneerregen Cover klein© Julia Borgwardt

In seinem ersten längeren Prosatext findet Thomas Schenk zu einer eigenen, lakonischen Tonalität. In langen Parataxen, die mitunter an Max Frisch erinnern, lässt er die Welt seines unspektakulären Helden erstehen. Der ist ein Hypochonder und Bünzli. Wir verstehen, dass seine Freundin es nicht mit ihm aushält. Aber er wächst uns ans Herz. Ein kleines und stilles, präzises und sehr schönes Buch.
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Bildnachweis

Die Enteisung Grönlands: Icebergs in Ilulissat Icefjord, Greenland von United Nations Photo unter CC

NZZ Folio – Krebs in der Seele: Infinite sadness von frankieleon unter CC