Thomas Schenk

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«Die meinen dann, ich sei stur»

«Anleitung zum Vorwärtskommen» Geschichten aus dem Alltag eines Zürcher Trämlers

Aargauer Zeitung; 30. Juni 2007

«Fast das ganze Zürcher Stadtleben spielt sich früher oder später im Tram ab», sagt Thomas Schenk. Seit drei Jahren berichtet der Tramführer in «20 Minuten» über seinen Berufsalltag. Nun sind seine Kolumnen als Buch erschienen und erklären endlich, warum einem das Tram immer vor der Nase abfährt.

Von Andrea Trueb

Sie halten Ihr erstes Buch «Anleitung zum Vorwärtskommen» in den Händen. Glücklich?

Thomas Schenk: Schon lässig - das Buch ist wirklich schön geworden, mit den Illustrationen von Anna Sommer und dem Vorwort von Peter Weber. Man hat es richtig gerne in der Hand. Zumal mein Wunsch einmal ein Buch zu schreiben sehr alt ist - im Gegensatz zur Idee, Tramführer zu werden.

Tramführer zu werden, war kein Bubentraum?

Schenk: Überhaupt nicht, das war eine Blitzidee: Ich wollte schon immer ein Buch schreiben, doch in meiner damaligen Tätigkeit als freier Journalist konnte ich mir nie den nötigen Freiraum schaffen. Ich hatte pausenlos das Gefühl recherchieren, schreiben und Aufträge akquirieren zu müssen. Die Arbeit als Tramführer ist das pure Gegenteil, alles ist vorgegeben, auf die Minute eingeteilt. Die klare Trennung zwischen Freizeit und Job gibt mir den Kopf frei für anderes.

Frei für?

Schenk: Zurzeit arbeite ich an einer Erzählung beziehungsweise möchte sie eigentlich demnächst abschliessen.

Wovon handelt sie?

Schenk: Das möchte ich nicht verraten - das Tram spielt auf alle Fälle keine Hauptrolle.

Trotzdem zurück zum Tram. Fahren Sie den Leuten auch vor der Nase ab?

Schenk: Um ehrlich zu sein: ja. Dabei hatte ich mir ehrlich vorgenommen, es besser zu machen. Aber die Realität hat mich gelehrt, dass warten oftmals einfach nicht drinliegt. Unser Zeitplan lässt wenig Spielraum. Mit dem neuen Leitsystem sehe ich auf zehn Sekunden genau, ob ich den Fahrplan einhalte oder nicht. Es gibt auch technische Gründe dafür: An vielen Haltestellen ist die Lichtsignalanlage mit der Türverriegelung der Trams gekoppelt. Öffne ich hier die Türen nochmals, nachdem ich sie bereits verriegelt habe, verpasse ich das Signal zur Abfahrt und meine Fahrgäste müssen eine Runde aussetzen. Für die Leute, die draussen stehen und manchmal an die Scheiben poltern, ist das allerdings nicht einfach zu verstehen, die meinen einfach ich sei stur oder ein Sadist.

Wie schlimm sind denn Verspätungen?

Schenk: Den Fahrplan einzuhalten ist jedenfalls nicht fakultativ. Verspätungen bis zu drei Minuten sind stressig, dann fühlt man sich gedrängt, weil man sie theoretisch wieder aufholen könnte. Ab fünf Minuten setzt bei mir die Entspannung ein, und ab sieben Minuten spielt es keine Rolle mehr: Eine solche Verspätung kann man nicht mehr aufholen.

Sie könnten schneller fahren?

Schenk: Das lassen unsere Geschwindigkeitsvorschriften nicht zu. Zudem wird eine Verspätung in der Regel immer schlimmer: Je grösser der Rückstand, desto mehr Leute stehen an den Haltestellen und es dauert noch länger, bis alle ein- und ausgestiegen sind. Wenn man Glück hat, wird man in solchen Fällen von der Leitstelle angewiesen, frühzeitig zu wenden. Das mache ich gerne: Man führt ein spezielles Manöver durch oder fährt eine kurze Umleitung.

Welche Fähigkeiten braucht eigentlich ein Tramführer?

Schenk: Es braucht wache Augen, um Gefahren sofort zu erkennen. Diese Fähigkeit kommt mir auch beim Schreiben zugute. Und man muss gut hören. In der Stadt Zürich sind andauernd Polizei- oder Feuerwehrautos und Krankenwagen unterwegs: Die muss ich möglichst früh hören und reagieren. Wenn ein Tram mal im Wege steht - dann steht es im Weg.

A propos im Weg stehen. Wer nervt eigentlich am meisten: Autofahrer, Fussgänger oder Passagiere?

Schenk: Es kommt auf meine Tagesverfassung an. Manchmal bleib ich auch beim dritten Auto, das quer auf den Schienen steht, gelassen › und manchmal werde ich schon beim ersten wütend. Hart ist, wenn ich ein Auto kommen sehe, stark abbremse und dadurch automatisch die Rasselglocke losgeht und mir der Fahrer dann den Finger zeigt, weil er meint, ich wolle ihn zurechtweisen. So was nagt manchmal eine Viertelstunde lang an mir.

Wann nagen Passagiere an den Nerven?

Schenk: Wenn sie angerannt kommen und den Kollegen bitten, auf das Trittbrett zu stehen um die Weiterfahrt zu verhindern. Dann hock ich da und muss zusehen, wie der andere Münz aus seinem Portemonnaie klaubt . . . wenn es zulange dauert, bitte ich den Betreffenden durchs Mikrophon, die Türe freizugeben - was manchmal befolgt wird und manchmal nicht.

Hört man Thomas Schenk auch mal durchs Mikrophon Scherze machen?

Schenk: Ich überlege mir gut, was ich sagen will. Ich habe Kollegen, die gute Witze machen, die Ankündigung der Station Opernhaus vielleicht auch einmal singen - ich selber habe da eher Hemmungen. Manche sagen an jeder Haltestelle sämtliche Umsteigemöglichkeiten an und sind dadurch permanent am reden. Nicht selten erzählen mir Leute, dass sie es geniessen, wenn der Tramführer mehr als nur «Grüezi» und «Adieu» sagt. Wenn ich selber Fahrgast bin, schätze ich es, zwischendurch meine Ruhe zu haben.


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