Thomas Schenk

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Der schreibende Tramführer liest im Tram vor

Rollende Buchvernissage von Thomas Schenks «Anleitung zum Vorwärtskommen».

Neue Zürcher Zeitung; 27. Juni 2007

Von Alois Feusi

«Ah, das ist er also! Ich lese jede seiner Kolumnen», sagt eine ältere Dame zu ihrer Begleiterin. Die beiden steigen in das Cobra-Tram auf dem Extrafahrtgleis am Bellevue und suchen sich Plätze im bereits ordentlich gefüllten Wagen. Dort steht Thomas Schenk, Zürichs schreibender Tramführer, in adretter Dienstuniform und mit dem Rücken zur Führerkabine an einem improvisiert verkabelten Rednerpult und bereitet sich auf seine Lesung vor. Jeden zweiten Montag erscheint in der Gratiszeitung «20 Minuten» ein ganzseitiges Inserat der VBZ, in dem der vor vier Jahren in den Tramführerstand umgestiegene ehemalige Journalist (unter anderem auch bei der NZZ) von seinem neuen Berufsalltag berichtet. Seit drei Jahren gibt es die Kolumne, und sie ist inzwischen so beliebt, dass der Limmat-Verlag eine Sammlung dieser munteren und zuweilen auch tiefgründigen Texte in Buchform herausgegeben hat. «Im Tram. Anleitung zum Vorwärtskommen» heisst das Bändchen. Am Dienstagabend war die Buchvernissage, und zwar gleich dreifach mit Extrafahrten eines Lesetrams um 17, 18 und 19Uhr.

Der schreibende Tramführer Thomas Schenk liest aus seinem Buch vor. (KARIN HOFER )

Bereits beim ersten Wartehalt am Bellevue - wie später auch am Central und am Bahnhofplatz - bietet sich den Passagieren das vertraute Bild verärgerter Möchtegern-Fahrgäste, die vergebens den Türöffner drücken und dann ohnmächtig zusehen müssen, wie das Tram ohne sie abfährt. Klar, dass Schenk zur Einstimmung in die Lesefahrt jene Geschichte vorträgt, die sich um ebendieses «Abfahren, vor der Nase» dreht. Darauf berichtet er über «Die schönsten Umleitungen», und exakt auf den Textfluss abgestimmt nimmt die Strassenbahn die Fahrt durch das Tramdepot Kalkbreite - Thomas Schenks liebsten Umweg - unter die Räder.

Nach einigen munteren Plaudereien schliesslich macht der Kolumnist «Die Verwandlung» zum Thema, die jeder Tramführer - egal, ob er früher Metzger, Pfarrer, Pilot oder Journalist war - im neuen Beruf durchmacht. Dann rollt die Cobra auch schon in den Tramstau auf der Quaibrücke, und der Mann vom Verlag weist noch einmal auf den Bücherverkauf an Bord hin. Nach einer höchst unterhaltsamen halben Stunde voller Schalk und Gelächter hält das Fünf- Uhr-Tram wieder auf dem Extragleis. Dort warten bereits die ersten Passagiere auf die Sechs-Uhr-Fahrt.


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