
NZZ am Sonntag, 15. Juli 2007
Von Manfred Papst
Was ein Weichei ist, glaube ich halbwegs zu wissen. Aber ein Weicheisen? Spontan hätte ich in dem Wort eine scherzhafte Wendung vermutet, die so etwas Ähnliches meint wie die Hartwatte. Inzwischen aber weiss ich: Das Weicheisen ist ein Werkzeug, das Tramführer benützen, wenn sie eine Weiche umstellen müssen. Das kommt vor, weil die automatische Weichensteuerung bisweilen versagt. Dann müssen die Metallzungen von Hand umgelegt werden.
Ich habe meine Weisheit aus Thomas Schenks charmantem Büchlein «Im Tram», einer Sammlung von Kolumnen, die der Autor im Auftrag der Zürcher Verkehrsbetriebe geschrieben hat und die ursprünglich im Gratisblatt «20 Minuten» erschienen sind. Thomas Schenk, Basler und studierter Betriebswirtschafter, ist seit 2003 Tramführer. Zuvor war er Journalist.
Dass er diese ungewöhnliche berufliche Laufbahn gewählt hat, kann ich nur zu gut verstehen. Ich wäre auch gern Tramführer. Zunächst wegen der streng geregelten Arbeit, die fast etwas Monastisches hat. Man tritt seinen Dienst auf die Minute pünktlich an und bewegt sich in fest geregelten Bahnen. Nur selten wird man aus dem Gleis geworfen. Und während man penibel seine Pflicht erfüllt, können die Gedanken schweifen. Schenks Texte sind ein Beweis dafür.
Was mich am Beruf des Tramführers am meisten reizt, ist indes die Uniform. Nie mehr Kleidersorgen! Ich plädiere ja seit Jahren dafür, dass die NZZ Uniformen einführt, aber niemand hört auf mich. Hier läuft jeder herum, wie er will. Das mag damit zusammenhängen, dass der Liberalismus des 19. Jahrhunderts mit dem Anarchismus eng verwandt ist. Bakunin war bekanntlich mit dem damaligen Chefredaktor gut befreundet.
Doch die vermeintliche Freiheit führt zu Unsicherheit, Missgunst, Konkurrenzdenken. Man gibt sich locker, aber es wird genau registriert, wer welche Edeljeans- oder Sweatshirt-Marke bevorzugt, wer billige Schuhe trägt und wessen Hosen sitzen (meine zum Beispiel sitzen immer dann, wenn ich es auch tue).
Mit Uniformen wäre der ganze Dresscode-Stress mit einem Schlag überwunden. Und ich wäre ja gar nicht heikel. Jedes Modell zwischen Hotelpagen-Kluft, Mao-Jacke und McDonald's-Kittel wäre mir recht. Aber wie gesagt: Die Geschäftsleitung nimmt meinen Vorschlag nicht ernst.
Deshalb träume ich manchmal davon, Tramführer zu sein. Allerdings hat die Sache einen Haken: Nie könnte ich mit einem Weicheisen umgehen.