
Schweizer Familie; 10. Februar 2005
Das Leben als Journalist war ihm zu hektisch. Darum sattelte er um - auf Tramchauffeur. Den Griff zur Feder kann Thomas Schenk aber nicht lassen.
Von Dante Andrea Franzetti
Wenn er um 4 Uhr 37 Minuten aus dem Fenster blickt, wundert er sich nicht: minus sieben Grad, zehn Zentimeter Schnee, die Strassen vereist. Sieben Stunden davor hat sich Thomas Schenk vor dem Zubettgehen auf Teletext den Wetterbericht angeschaut. Er weiss, dass ihn zugefrorene Weichen erwarten, stolpernde Fahrgäste, rutschende Autos.
Um fünf Minuten vor fünf Uhr verlässt er seine Wohnung in der Nähe des Klusplatzes, fährt mit dem Auto zum Tramdepot Kalkbreite, setzt sich in das Tram Nummer 6 und ruckelt um genau 5.22 Uhr los. Ein getaktetes Leben, ein Dasein nach Dienstplan.
Thomas Schenk war zuvor Redaktor, danach Berater in einer PR-Agentur, dann freier Journalist. «Ich war einfach nicht ganz zufrieden mit meiner Arbeit. Kaum je Zeit, einer Sache wirklich nachzugehen. Immer Stress. Ein unregelmässiger Alltag.»
Thomas Schenk begab sich also in die Ausbildung der Zürcherischen Verkehrsbetriebe (VBZ): einen Monat Theorie und Fahrschule, einen Monat Kursfahrten in Begleitung des Lehrmeisters, danach alleine unterwegs. So ungewöhnlich ist das gar nicht. «Alle Fahrer sind Quereinsteiger, alle haben zuvor einen anderen Beruf erlernt.»
Es ist jetzt 5.30 Uhr, und Thomas Schenk ist in die Fahrbahn des Trams Nummer 6 eingeschwenkt. Von jetzt an geht es im Kreis herum: Zoo, Hauptbahnhof, Bahnhof Enge und zurück. Er übernimmt den Morgenkurs bis neun Uhr. Dann hat er drei viertel Stunden Pause. Es ist bisher alles gut abgelaufen, niemand wurde überfahren, die so genannten «Weichenzungen» waren nicht zugefroren. Wäre das der Fall, müsste Thomas Schenk aussteigen und das Gleis enteisen.
Aber er hat an dem Morgen sonst genug Probleme: Bei Schnee sieht man die Haltemarkierungen nicht, man muss sich auf das Gefühl verlassen, wo man nun genau anhält. Und man ist verspätet. Wenn er mit der 6 am Zoo ankommt, betritt er jeweils das WC-Häuschen - doch diesmal bleibt keine Zeit. Er opfert die Pause, um pünktlich zu bleiben.
Der Rest ist Routine, bis er seine 6 um exakt neun Uhr im Depot Kalkbreite wieder abgibt, wo das Tram in die Waschstrasse kommt. In genau 48 Minuten wird er wieder losfahren, diesmal mit der Nummer 2 und diesmal nur bis zum Nachmittag.
Blätterplage und Blasenschwäche
Am Abend hat er dann Zeit, sich das Thema seiner nächsten Kolumne zu überlegen. Thomas Schenk ist das PR-Aushängeschild der VBZ, seine in der Gratiszeitung «20 Minuten» veröffentlichte Kolumne die Lieblingslektüre vieler Leser. Zweimal im Monat liefert er den Text ab, der einmal vom Problem der Blätterverstopfung der Schienen handelt; ein ander Mal von seiner Blasenschwäche; ein drittes Mal vom Engel, der zu Weihnachten nach Zürich kommt und die VBZ benützt. Ohne Billett.
Gegen 700000 Leser bleiben alle 14 Tage an Schenks Kolumne hängen, und er ist für die Zürcher Tramgäste zum «Briefkastenonkel» geworden. Sie wollen von ihm wissen, warum das Tram einem gleich vor der Nase abfährt: «Entweder treibt der Fahrplan zur Eile. Oder es ist Unaufmerksamkeit, der Fahrer schaut nicht immer in den Spiegel.» Eine gläubige Zürcherin teilt ihm mit, dass sie jeden Tag für die Tramfahrer betet, andere verwickeln ihn in technische Diskussionen über die Abstände von Haltestellen oder fragen ihn, wie viele Male im Tag er die Hand hebt, um Kollegen zu grüssen: 400-mal.
Es ist schon seltsam, als Journalist über einen ehemaligen Journalisten zu schreiben. «Es hat eine gewisse Ironie, dass ich Tram fahre. Die meisten denken, ich sollte mit meiner Wirtschaftsausbildung bei Novartis sein. Oder doch bei einer Zeitung.»
Schenk verdient wenig mehr als die Hälfte von dem, was er als Wirtschaftsjournalist verdienen könnte. Es ist ihm egal. Glück ist für ihn, «die Leute bei gutem und schlechtem Wetter nach Hause zu bringen». Ein konkreter Mensch, der sich eher zufällig in die Welt der Wörter verirrt hat.
Aber lassen kann er es trotzdem nicht. In seiner Kolumne philosophiert er «von der Kunst des Tramfahrens» oder erklärt, weshalb die 20000 Zürcher Bäume für den Tramfahrer ein «Herbstproblem» sind; und was es mit dem «verengten Schienenblick» der Fahrer auf sich hat. Tramgeschichten, Traminfos, Tramkuriositäten.
Auch der heutige Arbeitstag, der bald zu Ende geht, wird ihm Stoff liefern für eine Geschichte. Schenk hat den Notizblock immer dabei.
Es ist jetzt Mittag. Um 12.15 Uhr übernimmt Schenk heute zum zweiten Mal den Kurs der Nummer 2 ab Kalkbreite. Gegen 16 Uhr kommt die Ablösung. Es war ein kalter Tag mit viel Schnee. Mal sehen, was der Wetterbericht für morgen verspricht.