Thomas Schenk

MEDIEN

Das Ende der «Endstation»

Schweizer Familie; 21. September 2006

Die Ansage «Endstation» töne für Fahrgäste zu düster, befanden die Zürcher Verkehrsbetriebe und verordneten den Tramführern, «Endhaltestelle» auszurufen. Glücklich mit der neuen Regelung ist aber niemand so recht.

Von Dante Andrea Franzetti

Endstation, erklärt das «Deutsche Universalwörterbuch » des Dudenverlags, bedeute «letzte Haltestelle», aber auch, im übertragenen Sinn, Krankenhaus. Von Friedhof ist nicht die Rede, aber das Umfeld des Worts im Duden klingt ziemlich düster: Endpunkt, Endstadium, Endzeit. Sogar der Begriff «Endspiel» ist doppeldeutig, als Finale und als letztes Spiel vor dem Ende. Der berühmte Theaterautor Samuel Beckett hat ein Stück über das langsame Vergehen und Sterben «Endspiel» genannt. Alles hat einmal ein Ende, eben auch eine Tramlinie. Deshalb nennt man die letzte Haltestelle Endstation. Nannte, denn das soll sich jetzt ändern. Zürichs Tramchauffeure dürfen am Ende der Fahrt nicht mehr die «Endstation» ausrufen, sondern müssen jetzt «Endhaltestelle» sagen.

Erstaunliches Echo

Mit diesem Verbot heizen die Verkehrsbetriebe der Stadt Zürich (VBZ) eine Diskussion nochmals an, die seit Monaten Tramchauffeure und Fahrgäste gleichermassen beschäftigt. Tramführer Thomas Schenk etwa hat dem Thema zwei Kolumnen in der Gratiszeitung «20 Minuten» gewidmet. «Das Echo war erstaunlich», sagt Schenk, der diverse Vorschläge für eine weniger verfängliche Umschreibung erhielt. Die Rede war von «Zielstation», «Wendestation» oder «Turnaround».

Die Reaktionen sind auch den VBZ-Verantwortlichen nicht verborgen geblieben. «Es gibt Fahrgäste», bestätigt Pressesprecherin Daniela Tobler, «die durch das Wort Endstation unangenehm an den Tod erinnert werden – besonders bei der Endhaltestelle beim Krankenhaus Triemli oder der beim Friedhof Eichbühl.» Gegenfrage: Werden die Fahrgäste durch einen Friedhof nicht ohnehin an den Tod erinnert? Ja, nur aussprechen darf man es offenbar nicht.
Die VBZ sind in letzter Zeit für einige Schlagzeilen gut. Neulich wurde beschlossen, die Fahrer keine Haltestellen mehr ausrufen zu lassen. In Bälde kommt alles ab Band durch den Lautsprecher, viel deutlicher in der Aussprache, aber unpersönlich. Umfragen aber haben ergeben, dass sich die Fahrgäste lieber einen nuschelnden Fahrer zumuten wollen als die sterilen Ansagen in neutralem Ton. Auch gegen ein «Schönen guten Morgen» oder ein «Kommen Sie gut nach Hause» haben die Fahrgäste nichts einzuwenden. Die Gratiszeitung «Heute» unterstellte den VBZ sogar, sie wollten den Chauffeuren «einen Maulkorb» verpassen. «Stimmt nicht», widerspricht Pressesprecherin Daniela Tobler, «die Chauffeure dürfen ihre Fahrgäste weiter persönlich begrüssen und verabschieden. Die Ansagen ab Band dienen einzig der besseren Verständlichkeit.»

Subversive Ansagen

Nicht nur: Mit der Einführung der Ansage ab Band vereiteln die VBZ auch subversive Ansagen von Tramchauffeuren, die beim bekannten SVP-Tagungsort Albisgüetli immer noch «Endstation» sagen, um auf diese subtile Weise ihr Missfallen gegenüber der Blocher-Partei zum Ausdruck zu bringen. «Aber auch sonst», sagt Pressesprecherin Tobler, «ist ‹Station› ein Begriff, der zur Eisenbahn gehört.» Und die Bahn? Müssen nun auch die SBB den Begriff «Endstation» streichen? Ein Sprecher der Bundesbahnen meint dazu diplomatisch: «Wir stoppen nicht an Friedhöfen oder Spitälern.»

Für Tramführer Schenk ein schwacher Trost. Er ist mit der von oben verordneten Ansage «Endhaltestelle» nicht glücklich: «Das tönt mir zu technisch.» Andererseits ist er aber auch irgendwie froh über das Machtwort aus der Zürcher Tramzentrale: «Dank der klaren Regelung ist die Welt auf den Schienen wieder im Lot.»


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