
Schweizer Journalist; 1. März 2006
Immer mehr Journalisten machen ihren Beruf zum Hobby. Erfüllung suchen sie in anderen Jobs. Autor Stephan Rathgeb backt Donuts, Ex-Redaktor Thomas Schenk fährt Tram.
Von Reto Wüthrich
Draussen im Nichts hat Stephan Rathgeb so etwas wie eine Eingebung. Der Zürcher Journalist sitzt im texanischen Livingstone fest. Es ist heiss. Es ist stickig. Er hat Hunger. Er hat Durst. Aber ausser einer "Kentucky Fried Chicken"-Filiale findet er nur noch diese Holzhütte. Rathgeb tritt ein und fragt den alten Mann an der Theke nach einem Tee. Der lacht bloss. "Wir verkaufen nur Donuts." Rathgeb kennt das Wort, hat jedoch keinen Schimmer, was ein Donut ist. Das sagt er dem alten Mann. Der ist so verblüfft ob der Unwissenheit seines Gastes, dass er diesem gleich einen ganzen Plastiksack voller Donuts schenkt. Damit der junge Mann in Zukunft weiss, was ein Donut ist. Die beiden kommen ins Gespräch. Und die letzten Worte des alten Mannes sollten Stephan Rathgeb nicht mehr aus dem Kopf gehen: "Vielleicht eröffnen Sie ja eines Tages einen Donut-Shop in der Schweiz." Da ahnt der Journalist noch nicht, dass er bald tatsächlich Donut-Bäcker sein wird.
IM TREND.
Wie Stephan Rathgeb machen es immer mehr Journalistinnen und Journalisten.
Sie wechseln vielleicht nicht gerade in eine Backstube. Aber sie geben
ihre Stelle auf, um etwas völlig Neues anzupacken. "Dieser Trend
lässt sich tatsächlich beobachten", bestätigt Mirko
Marr. Er arbeitet als Oberassistent am Institut für Publizistikwissenschaft
und Medienforschung der Universität Zürich. "In den letzten
Jahren sind zahlreiche Berufsfelder entstanden und gewachsen, in denen
man mit den im Journalismus erworbenen Fähigkeiten hausieren kann
und die meist bessere Arbeitsbedingungen und langfristigere Perspektiven
bieten", sagt Marr. Es komme hinzu, dass der Karriere-Fahrstuhl im
Journalismus mit vergleichsweise hohem Tempo aufwärts fahre. Bereits
in jungem Alter erreichten viele die Hierarchie- und Einkommensspitze.
Auch die schwierige Vereinbarkeit von journalistischer Tätigkeit und
Familienleben spiele eine Rolle, sagt Marr, "weshalb der Berufsausstieg
nicht selten mit der Familiengründung zusammenfällt oder ihr
unmittelbar folgt."
Josefa Haas, Leiterin des Medieninstituts des Verbandes Schweizer Presse, sieht weitere Gründe für den Umstieg. Zum Beispiel die Neugierde. "Es gibt Schreibende, die eines Tages einfach Lust auf einen Rollen- und Perspektivenwechsel verspüren." Damit liegt sie im Fall von Thomas Schenk genau richtig. Dieser arbeitete dreieinhalb Jahre als Wirtschafts- und Dienstredaktor bei der "Neuen Zürcher Zeitung", je ein Jahr bei der "Berner Zeitung" und bei "Facts", danach vier Jahre als freier Journalist unter anderem für „Weltwoche“, „Folio“ und „Bilanz“. Im Sommer 2003 stieg er aus dem Job aus. Heute fährt er Tram. Seine Arbeitswelt wird nicht mehr von den Themen bestimmt, über die er seine Reportagen schrieb, sondern vom Schienennetz der Verkehrsbetriebe Zürich. "Der Wunsch zum Ausstieg reifte schleichend in mir", erzählt Schenk. Er habe sich zusehends unzufrieden gefühlt, weil ihm die Ziele abhanden gekommen seien. "Die Themen waren spannend, aber die Arbeitsmethode war immer gleich. Irgendwann fehlte mir der Reiz, etwas schreiben zu wollen.“ Hinzu kam die Unsicherheit des freien Journalisten. Er fragte sich: Kann ich meine Geschichten verkaufen? Warum gerade jene Geschichten nicht, die mir besonders am Herzen liegen? Darf ich mir heute einen Tag freinehmen? Heute liefert ihm der Dienstplan einige Antworten, die sein Leben entspannter machen. Wann er zur Arbeit muss, und wann er frei hat etwa. "Ich habe heute nicht mehr Zeit zur Verfügung. Aber die Qualität ist anders", sagt Thomas Schenk. Sein Leben weise eine klare Struktur auf. Die Probleme von damals habe er heute nicht mehr. Etwas mehr als zwei Jahre fährt er nun schon Tram. Dass es ausgerechnet dieser Job war, den er sich aussuchte, sei Zufall gewesen. Er habe mit einem Freund zusammen gesessen und über sich bietende Möglichkeiten gesprochen. Irgendwann kam Schenk das Tramfahren in den Sinn. Er bewarb sich und war überrascht, dass er zu einem Gespräch eingeladen wurde. Nach weiteren Gesprächen und psychologischen Abklärungen liessen ihn die Verkehrsbetriebe zur Ausbildung zu. Zwei Monate später war er Tramführer.
ZWEIFEL
Der Jobwechsel habe sich eindeutig gelohnt, sagt Thomas Schenk im Rückblick.
Noch während des Bewerbungsverfahrens plagten ihn Zweifel „Ich
fragte mich oft, ob ich das wirklich will.“ Unsicher machten ihn scheinbare
Kleinigkeiten. Zum Beispiel, dass das Fahrzeug in seiner Heimatstadt Basel „Trämmli" heisst.
Verniedlicht. Fast belächelt. Doch das Umfeld reagierte positiv auf
seine Pläne. "Gerade Berufskollegen gratulierten mir", erzählt
Schenk. "Die fanden es gut, dass jemand so etwas macht, ohne sich gross
um Lohn oder soziale Anerkennung zu kümmern." Manchmal nervt ihn
der dichte Verkehr. Oder ein rüder Fahrgast. "Aber meistens habe
ich Zeit, um die Leute zu beobachten, die Welt um mich herum zu betrachten",
sagt Schenk. Sitzt er im Tram, kann er seine Gedanken schweifen lassen. Dieses
beinahe meditative Gefühl in der Tramkabine wurde für ihn unerwartet
zu einer frischen Inspirationsquelle. Als so genannter "Stadtfahrer" beschreibt
er seine Erlebnisse in Kolumnen, die sein Arbeitgeber in "20 Minuten" schaltet.
In der Freizeit schreibt er an einem Roman. "Der Journalismus ist für
mich nicht endgültig abgehakt", sagt er. „Ich schreibe immer
noch gerne und interessiere mich für viele Themen. Aber ich lebe von
Tag zu Tag und plane nicht." Bald wird Schenk 40 Jahre alt Er werde
nicht die nächsten 20 Jahre als Tramführer arbeiten, sagt er. Doch
noch freue er sich zu sehr, jeweils den Dienst auf seinen Linien anzutreten
Journalistinnen und Journalisten, die es Schenk gleich tun, gibt es nicht wenige. Auch Prominente zählen dazu. Walter Eggenberger zum Beispiel. Er arbeitete während 20 Jahren für die Radio und Fernsehsendungen „Echo der Zeit“ und „10 vor 10", ehe er für zwei Jahre die Leitung des Koordinationsbüros der schweizerischen Katastrophenhilfe übernahm und mithalf, die Hungersnot im nordkoreanischen Pjöngjang zu bekämpfen. Eggenberger reist gerade im Auftrag des Reiseunternehmens Background Tours durch Äthiopien – ein Unternehmen, das vom Journalisten Erich Gysling gegründet wurde. Fernsehkollegin Jana Caniga war Redaktionsleiterin des Nachrichtenmagazins „10 vor 10“, dann wechselte sie Ende 1999 überraschend als Kulturmanagerin zum Migros-Kulturprozent. Später folgte erneut ein abrupter Wechsel. Heute führt sie den "Ochsen", ein Restaurant im Zürcher Oberland. Mit Heinz Margot wechselte ein anderer bekannter Fernsehredaktor ins Gastronomiefach. Er war für die Spielsendung „Megaherz“ verantwortlich, berichtete für Sendungen wie „Messe live“ und „Fensterplatz“ oder als Reporter von der Basler Fasnacht. Dann stieg er aus und übernahm vor gut drei Jahren auf 2051 Metern über Meer das Bergbeizli „Paradies“ im Zermatter Skigebiet
WIRTSCHAFTSKRISE.
Nicht alle, die umsteigen, tun dies freiwillig. „Es gibt immer weniger
Stellen im Journalismus, und die Budgets für die Freien werden kleiner“,
sagt Sylvia Egli von Matt, Direktorin des Medienausbildungszentrums (MAZ)
in Luzern. Mit dem Frust, der aus solchen Situationen entsteht, wird Christoph
Bertschy beim Verband "impressum" regelmassig konfrontiert. „Wer
vor fünf, sechs Jahren seine Stelle im Journalismus verlor, glaubte
daran, im gleichen Bereich weiterarbeiten zu können. Heute ist man oft
gezwungen, die Branche zu verlassen.“ Neue Chancen ergaben sich etwa
durch einen Seitenwechsel, indem man eine Stelle als Mediensprecherin oder
-sprecher bei einem Verband oder Unternehmen annehme. So wie Pascal Mathis
(28), dem nach zuletzt fünf Jahren in der Swisstext-Sportredaktion der
berufliche Umstieg unmittelbar bevorsteht. Er geht als PR-Fachmann zur Schweizerischen
Post. „Die Sparrunden bei Swisstext haben mir zugesetzt. Sie gaben
den Ausschlag dafür, dass ich eine berufsbegleitende Ausbildung im PR-Bereich
begann“, sagt Mathis. Dass er künftig weniger oft an Wochenenden
oder Abenden arbeiten müsse, erleichtere den Wechsel. Doch er werde
auch einiges vermissen. „Die Arbeit in unserer dreisprachigen Sportredaktion
fand ich sehr bereichernd. Oder auch die Begegnungen mit Schweizer Sportgrössen
wie Roger Federer und Simone Niggli-Luder, die Normalbürgern nicht möglich
sind.“
LUST AUF DONUTS.
Stephan Rathgeb hingegen vermisst in seiner Donut-Bäckerei kaum etwas
von seinem früheren Beruf. Obwohl er schon mit 15 Jahren für Lokalzeitungen
schreibt, mit 17 für die Jugendbeilage „Ernst“ des „Tages-Anzeigers“ und
danach Chefredaktor der Jugendzeitung „Toaster“ wurde und somit
seine journalistische Laufbahn schon fast klassisch vorgezeichnet schien.
Vor gut zwei Jahren fällte er den Entscheid: Ich werde Donut-Bäcker.
Noch während er weiter als freier Journalist Reportagen etwa für
das „Magazin“ schrieb, tüftelte er gemeinsam mit dem Fernsehjournalisten
Gian Meyerhofer an Donut-Rezepten. Eine aufwendige Recherche über die
Todesstrafe in Texas nutzte er zu weiteren Besuchen bei Billy, dem alten
Mann in der Donut-Holzhütte. Im Dezember 2004 fand Rathgeb in Obermeilen
eine leerstehende Bäckerei, liess diese umbauen und stellte einen Bäcker
an. Im Frühling darauf startete die Donatli GmbH ihre Produktion. Heute
ist das Frittieren und Glasieren und die Suche nach immer wieder neuen Donut-Rezepten
seine Passion. „Meine Vision ist es, in jeder grossen Stadt Europas
einen Donut-Shop zu eröffnen“, sagt Rathgeb. Vorderhand produziert
sein Unternehmen rund 1000 Donuts pro Tag, die an Wiederverkäufer in
der Stadt Zürich oder private Grosskunden geliefert oder auf dem Markt
verkauft werden.
Am Anfang, als ihnen manchmal schier die Abwaschmaschine um die Ohren geflogen sei und er jeden Tag seine nach Frittierfett riechenden Kleider waschen musste, habe er sich oft gefragt: „Was mache ich hier eigentlich?“ Heute bereue er seinen Jobwechsel nicht mehr. „Ich habe in dieser Zeit viel gelernt“, sagt Rathgeb. Die Erfahrungen, die der Aufbau eines eigenen Geschäfts mit sich bringen, seien für seine Zukunft enorm wichtig. Wie der Tramführer Thomas Schenk schliesst auch er den Rückkehr in den Journalismus nicht gänzlich aus, zumal Ratheb nebenbei hin und wieder auch schreibt. „Doch die Donuts werden mich in meinem Leben sicher noch lange begleiten.“