
Tages-Anzeiger; 24. August 2006
Früher verfolgte Thomas Schenk die Arbeit bis in seine Träume. Heute geniesst der Ex-Journalist als Tramchauffeur seine Freizeit.
Thomas Schenk studierte Betriebswirtschaft an der Hochschule in St. Gallen und stieg nach dem Abschluss in den Journalismus ein. Drei Jahre war er Dienstredaktor bei der NZZ; es folgten Stationen bei der «Berner Zeitung» und beim Nachrichtenmagazin «Facts». Danach arbeitete der gebürtige Baselbieter während vier Jahren als freier Journalist - bis sich «Abnützungserscheinungen» und «Motivationsprobleme» bemerkbar machten. «Ich sehnte mich nach einer überschaubaren Arbeit», erzählt er. Einer Arbeit, die am Feierabend abgeschlossen ist, die ihn nicht in die Nacht oder übers Wochenende verfolgte, wie das während seiner Recherchen oft der Fall war. Als er sich mit einem Freund mit der Frage «Was ist Glück?» auseinander setzte, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: «Im Tram finde ich mein Glück!» Wie aus dem Nichts habe ihn diese Idee angesprungen. Heute, drei Jahre später, ist Thomas Schenk Tramchauffeur mit einem 50-Prozent-Pensum bei den VBZ. «Klar habe ich heute eine viel höhere Lebensqualität als früher», sagt er. Nun könne er seine Freizeit geniessen, ohne dass er ständig an die Arbeit denke. Auch fallen - auf Redaktionen üblicher - Stress und Druck vollständig weg. «Natürlich beschleichen mich ab und zu Zweifel», räumt er ein. Vor allem wenn er sieht, welch prestigeträchtige Jobs seine ehemaligen Studienkollegen inzwischen ergattert haben. «Dann frage ich mich, ob ich mich auf dem Abstellgleis befinde.» Solche Gedanken verfliegen aber jeweils wieder, wenn sich Schenk in die Führerkabine setzt, den Rückspiegel in die richtige Position bringt und das Tram startet. «Solange mir die Arbeit Spass macht, denke ich nicht ans Aufhören.» Sein journalistisches Schaffen hat er noch nicht ganz auf Eis gelegt. Aus der Optik des Tramführers schreibt er regelmässig eine Kolumne, zudem feilt er an seinem ersten Roman. Kürzlich hat er als Journalist einen Fischer auf dem Zürichsee begleitet, der ihm bei der Tramendstation Tiefenbrunnen immer wieder begegnet ist. Dessen Ruhe, die er auf dem Wasser ausgestrahlt hat, fasziniert Schenk. «Wer weiss», sagt er augenzwinkernd, «vielleicht wäre dieser Beruf in ein paar Jahren eine Option für mich.» (sti)