Thomas Schenk

TAGEBUCH 2008

10.08.08 – Das ist der letzte Eintrag im Tram-Tagebuch. Jetzt, wo ich nicht mehr mit dem eigenen Tram fahren kann, will ich auch nicht mehr darüber schreiben. Ich will es einfach geniessen, durch die Stadt chauffiert zu werden. Zürich braucht meine Besserwisser-Kommentare nicht.

07.08.08 – Perspektivenwechsel: Ich fahre mit der Linie 3 zum HB, mein Zug fährt bald. Entsprechend nervös werde ich über die überaus vorsichtige Fahrweise der Tramführerin. Die eine Kurve kann man schneller fahren, und so stark braucht man nicht abzubremsen vor dem Römerhof. Um den Zug nicht zu verpassen, steige ich schon beim Central aus und renne zum Bahnhof. Wer weiss, wie gemütlich die Fahrerin die letzte Strecke fährt. – Als ich dann im Zug sitze, frage ich mich, wie lange es wohl dauert, bis ich wieder ganz normal Tram fahren kann, ohne ständig zu prüfen, wie gute es die Frau oder Mann in der Kabine macht. Vielleicht, so ist zu befürchten, kann ich das nie mehr ablegen.

04.08.08 – Die letzte, schwere Station auf dem Weg, die VBZ zu verlassen, steht heute an: ich muss die Uniform abgeben. Mit zwei vollen Plastiktaschen komme ich an. Während ich mein altes Material abgebe, kann ich zusehen, wenn ein anderer gerade seine Uniform bezieht. Vor ziemlich exakt fünf Jahren war ich in der gleichen Situation. Jetzt nimmt es mich wunder, welche Hoffnungen sich dieser junge Mann macht und wie er in fünf Jahren über den Tramberuf denkt. Noch eine Prüfung steht mir bevor, ich muss auch mein GA abgeben. Dazu muss man wissen: Alle Tramfahrer können unbeschränkt mit den SBB umherfahren, seit Anfang 2008 sogar 1. Klasse.

14.07.08 - Mit dem Tramfahren aufzuhören, dafür habe ich mich schon vor ein paar Wochen entschieden. Mein Vertrag mit den VBZ läuft noch bis Ende Juli. Vor lauter Überstunden und Ferien, so erfahre ich heute, werde ich nicht mehr gebraucht.

15.06.08 – Über den schwierigsten Moment während des Euro-Dienstes kann ich erst mit einem gewissen Abstand schreiben. Vorgestern, als ich mit dem Extratram zwischen Letzigrund und Hauptbahnhof unterwegs war, ist das passiert, was nie passieren darf. Ich war im Tram, die Blase drückte, und weit und breit war kein WC. Anders als auf regulären Linien kommt man bei diesem Spezialdienst nirgends an einer Endstation vorbei. Und folglich auch an keinem WC. Vom Druck meiner Blase zu schliessen, konnte ich es noch ein paar Minuten hinauszögern, aber ich hatte noch zwei Stunden zu fahren! Da war etwas Fantasie verlangt. Ich will nicht zu weit in die Details gehen und auch nicht verraten, wo ich mein Geschäft verrichtet habe. Nur soviel: Die Führerkabine blieb sauber; zum Zeitpunkt meines Manövers war das Tram menschenleer; und nur ein paar Autofahrer wurden Zeugen. Okay, für dieses Verhalten hätte mit 60 Franken gebüsst werden können. Und ja, ich weiss, das mit dem Urin ausgeschiedene Salz kann Sträuchern und Bäumen zusetzen. Aber so leicht wie danach habe ich mich in meinem ganzen Leben noch nie gefühlt.

13.06.08 – Zufuhr und Abtransport steht auf meinem Fahrbefehl. Und so habe ich mit einem von acht Extratrams zwischen dem Hauptbahnhof und dem Letzigrundstadion hin- und herzufahren, wo die Italiener gegen die Rumänen spielen. Also mitten ins Getümmel. Um halb vier strömt das erste Mal eine Welle blau und rot-gelb verkleideter Menschen in mein Tram. Das Fahrzeug nimmt die Fracht (rund 350 Personen, was über 20 Tonnen entspricht) geduldig auf. Für mich ändert sich nicht viel, einzig der Lärmpegel steigt und der Bremsweg verlängert sich ein bisschen. Rund ums Stadion herrscht erhöhte Anspannung, VBZ-Personal in orangefarbenen Westen und unzählige Polizisten versuchen, den Strom zu kanalisieren. Rund ums Stadion sind auch einige deutsche Polizisten in Vollmontur postiert. Grimmig wirken sie in ihren grünen Uniformen und ihren Bein und Rückenpanzern. Ein chinesischer Fahrgast fragt mich, was die Deutschen hier machen. In erster Linie Angst, antworte ich. Einen friedlicheren Job haben zwei Fahrer von Militärfahrzeugen. Die beiden blockieren die Strasse, inklusive den Tramgeleisen. Jedes Mal, wenn sich ein Tram nähert, müssen sie fünf Meter zurückfahren, um Platz zu machen, dann rücken sie wieder vor.

Nach dem (unentschiedenen) Spiel sind die Italiener deutlich ruhiger als die Rumänen. Überhaupt ist es auffällig friedlich, ganz anders als nach Fussballenspielen der Schweizer Meisterschaft, die Fans sind nach innen gekehrt, es gibt niemanden, der die Notbremse zieht oder mit der Faust gegen das Tram schlägt. Es scheint, als reichte die Begeisterung und folglich auch die Enttäuschung bei der eigenen Nationalmannschaft nicht halb so tief wie beim Stadtclub. Gegen 21 Uhr muss ich dann doch noch zur Rasselglocke greifen. Ein Auto versperrt die Durchfahrt. Der rote Fiat bleibt zwar korrekt auf seiner Fahrbahn, aber einer der Mitfahrer hält eine italienische Flagge waagrecht aus dem Fenster und einen Meter über die Schienen. Jetzt, wo die Italiener so gut wie ausgeschieden sind, kann ich nicht gut weiterfahren und dabei riskieren, dass die Fahne abknickt.

12.06.08 - Heute sorgen weder Kroaten oder Deutsche noch Österreicher oder Polen (bzw. ihre Fans) für Schwierigkeiten. Ein Holländer ist es, der es versteht, den Verkehr in der Stadt zu strapazieren, mit seinem Lastwagen. Am Bleicherweg stösst er mit einem Tram zusammen. Und so darf ich mit der Linie 7 eine, überaus reizvolle, Umleitung fahren. Um den blockierten Abschnitt zu umfahren, geht es vom Bahnhof Enge dem See entlang bis zum Bürkliplatz, dann scharf links in die Bahnhofstrasse, von 16 bis 1930 Uhr. In der Enge, also dort wo unsere Tramschienen in lustigen Kreisen und Ovalen angeordnet sind, fahre ich deshalb so etwas wie einen Walzer, das heisst im Kreis herum. Leider sind auch viele andere Trams zu diesen Manövern gezwungen, weshalb sich bald ein Stau bildet und folglich kein rechter Schwung aufkommen will, von einem Gefühl der Fliehkraft ganz zu schweigen.

11.06.08 - Jetzt ist die Euro (endlich) auch bei mir angekommen. Ich darf Tram fahren, während unsere nationalen Fussballer um die Ehre kämpfen. Um 21 Uhr, kurz nach dem Anpfiff im St. Jakob Stadion, gilt es auch für mich ernst und ich richte mich in der Cobra-Kabine der Linie 9 ein. Ich bin recht aufgeregt, denn die Linie 9 ist die einzige Verbindung, die mitten durchs Gewühl am Bellevue fährt. Doch zuerst fahre ich ins Heuried an den Stadtrand. Um 21.17 höre ich Jubel, ein Tor muss gefallen sein, doch kann ich nicht eruieren, ob die Schweizer oder Türken die Glücklichen sind. Dann gegen halb zehn passiere ich das erste Mal und erstaunlich problemlos das Bellevue. An der Endstation in Hirzenbach freue ich mich über die inzwischen erhaltene Nachricht, wonach die Schweiz führt, geniesse (in der angenehm temperierten Führerkabine) das Gewitter, es blitzt und donnert und knapp über mir rauschen die Flieger vorbei, die – Südanflug sei Dank – meine kurzen Pausen hier draussen so spektakulär machen. Kurz nach halb elf vermeldet dann die Leitstelle das Unvermeidliche, die Schweiz verliert 1:2. Kurz nach dem Schlusspfiff treffe ich auch schon am Bellevue ein. Jetzt herrscht der ersehnte Ausnahmezustand. Doch die Freude vergeht mir schnell. Zu Hunderten wollen sie ins Trockene. Dabei hat es nach Reglement nur Platz für 238 Personen, und es strömen immer mehr Menschen herbei. Nach fünf Minuten gelingt es, die ersten Türen zu schliessen, das von mit kräftigem Poltern und Brüllen quittiert wird, nach weiteren Minuten sind endlich alle Türen verriegelt, und ich kann losfahren. Im Schritttempo und eskortiert von drei Männer, die mit Händen und lauter Stimme versuchen, die Menschen von den Schienen zu drängen. Weit komme ich nicht, an der nächsten Haltestelle warten wiederum zwei-, dreihundert Personen, die natürlich nicht im Regen stehen bleiben wollen. Einer Frau wird es eng im Tram, sie möchte raus, sonst ist es trotz dem Gedränge erstaunlich ruhig. Irgendeinmal leert sich das Tram dann wieder. Und kurz vor 1 Uhr fahre ich mehr oder weniger pünktlich ins Depot ein. Das Timing ist perfekt, denn als ich mein Velo hole, bekomme ich gerade noch einen roten, von vier Polizeiautos begleiteten Reisecar zu sehen. Als der Bus um die Ecke biegt, realisiere ich, welch historischen Moment ich eben erleben durfte: Das waren unsere, geschlagenen, Fussballhelden, auf der Rückfahrt von Basel nach Feusisberg. Im Bus war es ganz dunkel, so schien es mir, so als ob alle schon tief geschlafen hätten.

10.06.08 - Meinen ersten Euro-Tag verbringe ich nicht im Tram, sondern ich verrichte sogenannten Platzdienst. Das heisst nun nicht, dass ich mit Besen und anderem Reinigungsgerät versuchen müsste, den Müll  zusammenzukehren, der so liegen bleibt auf dem Asphalt. Zusammen mit ein paar anderen Kollegen werde ich beim Bahnhofquai postiert, um nichts ahnende Fahrgäste über die diversen Umleitungen zu orientieren. Und dabei komme ich endlich einmal so richtig zum Reden – denn ich erhalte ein Mikrofon und darf bei jedem 4er und 11er, der Richtung Innenstadt unterwegs ist, ein kleines Sprüchlein aufsagen (Limmatquai und Bellevue gesperrt, uns so weiter). Bei dieser Arbeit lassen sich interessante Beobachtungen über das Verhältnis der Zürcher zu ihrem Körper anstellen. Egal ob jung oder alt, die Aussicht, zweihundert Meter zum nahen Central gehen zu müssen oder ein paar Schritte weiter, treibt den Menschen Verzweiflung ins Gesicht. Ab 22 Uhr wird es ruhig, ab 2230 Uhr hat es mehr Hilfspersonal als wartende Fahrgäste, und ab 2330 Uhr sind wir von der VBZ quasi unter uns. Dabei hatte ich mich auf einen grossen Ansturm gefreut! Als ich um halb zwei mit dem Velo nach Hause fahre, torkeln mir am Limmatquai noch ein paar grölende Männer entgegen. Es sind Fans unserer Nati, sie sich offenbar Mut angetrunken haben für das morgige Spiel gegen die Türkei.

09.06.08 - Morgen steht mein erster Tramdienst während dem Fussballspektakel an. Den Kurs «Fit für die Euro» habe ich absolviert, ich habe meine Runden in den farbigen und so lustigen Extratrams gedreht, ich habe den Spielplan auswendig gelernt, die vielen Umleitungen natürlich auch. Jetzt kann ich mich auf meine mentalen Stärken verlassen ...

20.05.08 - Jetzt darf ich auch im anderen, in grün gehaltenen Euro-Sonderspezialextratram Dienst tun. Gross ist meine Enttäuschung, als ich feststelle, dass hier der Getränkeautomat fehlt. Wenn ich schon die ganze Zeit Werbung für Bier machen muss, dann wäre es doch das Mindeste, auch mit dem Produkt versorgt zu werden. Es ist ja überhaupt so, dass die gesteigerte Vorfreude, die in der Stadt sich ausbreitet, im nüchternen Zustand kaum auszuhalten ist.

17.04.08 - Spätdienst auf der Linie 2, mit einem der vielen Euro-Extratrams, die in Zürich umherfahren. Weil aussen Coke drauf steht, ist innen im Tram auch tatsächlich ein Getränkeautomat aufgestellt. Gut zu wissen, sage ich mir, dass mit dieser vorausschauenden Massnahme die Gefahr so gut wie ausgeschlossen ist, während dem Dienst eine gefährliche Dehydrierung zu erleiden. Schade nur, dass wir keine Gratisjetons erhalten - als Gegenleistung dafür, dass wir hier bei diesem Werbespiel mitmachen, wäre das nichts als gerecht.

25.03.08 – Tränenselig. Ich sehe mir den Film «Max Frisch, Citoyen» an. Gegen Ende erzählt dessen Schriftstellerkollege Peter Bichsel, wie er nach der Beerdigung Frischs alleine durch Zürich ging, wie er ein Tram sah und wie ihm dabei die Tränen kamen. Denn , so weiss Bichsel zu berichten, ihm sei in diesem Augenblick klar geworden, dass das Blau unserer Arbeitsinstrumente genau jene Farbe war, die Frisch so sehr an seiner Heimatstadt liebte. Hätte das nicht ein angesehener Kulturarbeiter gesagt, es müsste als Kitsch abgetan werden.

03.03.08 – Frühlingserwachen. Bei der Kalkbreite, an der Südseite eines Bürogebäudes, sind die ersten Magnolienblüten zu sehen. Exakt einen Tag früher als letztes Jahr! Das ist insofern relevant, als uns das letzte Jahr bereits einen Klimarekord brachte. Nie zuvor (nach Massgabe meiner persönlichen Datenbank) hatten die Magnolien früher ihre Farbe gezeigt. Damit bestätigt sich der Trend zur Klimaerwärmung, den nachzuzeichnen mir anhand der Magnolien gelingt. Vor drei Jahren (hier beginnen meine Aufzeichnungen) waren die Magnolien auf dem Zürcher Stadtgebiet erstmals am 25. März erblüht, vor zwei Jahren am 13. April. Mit anderen Worten: Die Natur hat sich in wenigen Jahren um fast einen Monat beschleunigt. Wenn man dies hochrechnet, so dauert es nicht mehr lange und die Magnolien beginnen bereits zu blühen, bevor der Winter überhaupt angefangen hat.

24.02.08 – Tramfahrerische Kardinalfrage. In der NZZ am Sonntag wird ein Grundproblem des Tramfahrens erörtert: Lohnt es sich, auf das Tram zu warten, oder ist man zu Fuss schneller am Ziel? Diese Aufgabe hatten sich drei angehende Mathematiker gestellt. Ihre Antwort auf das Problem leuchtet ein: «Warte auf den Bus (bzw. das Tram), falls die Gehzeit länger ist als die Fahrzeit plus die Hälfte der maximalen Wartezeit.» Dass sich eine Zeitung diesem Problem annimmt, ist verdienstvoll. Noch verdienstvoller ist es, dass das Ergebnis an einem Zürcher Beispiel vorgerechnet wird, konkret anhand der Strecke zwischen Bahnhofstrasse und Paradeplatz. Schade nur, dass der Autor mit den hiesigen Verhältnisse nicht ganz vertraut ist. Er ist der irrigen Meinung, dass an Sonntagen hier nur alle 15 Minuten ein Tram fahre, weshalb er rät, die Strecke zu Fuss zu bewältigen. Tatsächlich verkehren die Trams sonntags im 10-Minuten-Takt, und zwischen Bahnhof und Paradeplatz sind zudem drei Linien im Einsatz. Weshalb ein Fussmarsch keine Zeitersparnis bringt.

11.01.08 – Beim Bellevue steigt ein Mann zu mir auf die Linie 8 und fragt mich, ob ich Marroni möge. Ich sage ja, und er beginnt in seinem Rucksack nach einem Säckchen zu suchen, dass er mir gibt. Er sei der Marronibrater von der Quaibrücke, sagt er. Ich nutze die Gelegenheit, ihn über seinen Beruf auszufragen. Wie viele Marroni verkauft er an einem Tag? Wenn’s gut läuft 60 Kilo. Was macht ein Marroniverkäufer im Sommer? Er grilliert Fleisch in einem Restaurant. Auf meine Frage, ob das denn schwer sei, Marroni zu braten, wird er deutlich. Eine Kunst sei es! Ein paar Sekunden nicht aufgepasst, und die Marroni wären schwarz. Oder sie seien noch nicht weich. Absolute Konzentration sei verlangt und viel Gefühl. Kein Vergleich zum Tramfahren, sagt er. So ein bisschen durch die Stadt zu fahren, das sei doch total einfach.

05.01.08 –  Post von einem freundlichem Herrn. Sein Vater war von 1920 bis 1954 Tramführer bei den VBZ gewesen, und er schildert mir ausführlich, wie aufregend der Alltag auf den Tramschienen damals war. Und aufreibend. Zu dieser Zeit gab es noch keine Heizung in den Führerkabinen. Und so strickten die Frauen wollene Überzüge für die eisig kalten Kontrollerhebel, damit sich ihre Männer nicht die Finger abfroren am Metall. Während dem Weltkrieg erschwerte die befohlene Verdunkelung das Fahren. Und an heissen Sommertagen wurde der Kellnerin vor einem Restaurant bei der heutigen Haltestelle Siemens mit hochgehaltenen Fingern die Anzahl der Biere übermittelt, die man bei der Rückfahrt auf das Fahrzeug geliefert haben wollte.