Tramkolumnen 2007
Ich bin auch ein Love Mobile
20 Minuten; 8. Oktober 2007
Okay, der Werbespruch des Zürcher Verkehrsverbundes hat bald ausgedient. Ein letztes Mal soll er hier noch bemüht werden. Denn ein Tram ist wirklich mehr als ein Tram. Der Tagesanzeiger hat unsere Fahrzeuge einmal als Paarungsstätte bezeichnet. So weit würde ich nicht gehen, doch wenn es um die Liebe geht, sind unsere Arbeitsinstrumente nützlich.
«Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben». Mit diesen Worten hat Rainer Maria Rilke die Melancholie beschrieben, die im Herbst alleinstehende Menschen befällt. Doch die Zeiten sind vorbei, als sich die Leute, kaum nahte der Winter, in ihren Stuben einschlossen. Mit der Kälte ist es nicht mehr weit her, und es gibt heute Partnervermittlungen, die das ganze Jahr über aktiv sind. Bald startet sogar das Schweizer Fernsehen mit einer Dating-Sendung. Und weil sie Pionierarbeit geleistet hat, soll hier auch kurz der ewig blonden Patricia Boser gedacht werden. Über Jahre hinweg hatte sie Männer und Frauen zusammengebracht, inzwischen hat ein jüngerer Kollege ihr Amt übernommen. Aber vielleicht darf sie die Kuppelshow wieder einmal moderieren, dem Lauf der Zeit entsprechend vielleicht aus einem Altersheim.
Wäre Rilke heute mit einem Zürcher Tram unterwegs, er hätte es leicht. Denn mittlerweile gibt es eine passende Internetplattform. Unter www.duimtram7.ch können Männer wie Frauen all jenen Mitpassagieren eine Meldung hinterlassen, denen sie im Tram begegnet sind, die sie aber mangels Mut nicht angesprochen haben. Natürlich sind nicht alle Menschen gleich begehrt, das zeigt ein Blick auf die Einträge. Gesucht werden vor allem blonde, blauäugige Frauen. Welch poetische Anstrengung Männer von heute unternehmen, um in Kontakt zu kommen, verdeutlicht folgendes Beispiel, das ich wörtlich wiedergebe: «Ich fuhr Richtung Zoo, dann erblickte ich deine wunderschönen, blau-grünen, strahlenden Augen etwa zwei Reihen hinter mir, und unsere Augen zogen sich an wie Magnete. Zwei-, dreimal fesselten sich unsere Blicke, und dann zwang mich die Station Toblerplatz zum Aussteigen, ich stand auf, starrte in deine Augen, verliess das Tram, schaute mich nach dir um, und prompt folgte mir dein traumhafter Blick. Du trugst ein gelbes Shirt, bist blond und hast eine sportliche Figur. Ich habe dich leider nicht angesprochen, bereue das und fühle, etwas Wichtiges verpasst zu haben.»
Vielleicht hätte Rilke, wäre ihm solches widerfahren, die Begegnung etwas anders formuliert. Aber leider ist er seit über 80 Jahren tot. Um so erfreulicher ist es, dass vor kurzem ein Buch erschienen ist, das die romantische Dimension des Trams in unverbrauchten Worten schildert. Eine Buchhändlerin aus Bern war so nett, mich auf den neuen Roman «Das Verlangen nach Liebe» von Hanns-Josef Ortheil aufmerksam zu machen. Thema ist die absolute, romantische Liebe, nach der ein Konzertpianist und eine Ausstellungsmacherin suchen, und das nicht irgendwo, sondern hier in Zürich. Ich will nur so viel verraten: Im Tram kommen sie sich näher. Und irgendwann sagt er zu ihr: «Am liebsten würde ich mit Dir jeden Morgen eine Fahrt mit der Strassenbahn machen, es gibt keine andere Stadt, in der ich so gerne wie in Zürich Strassenbahn fahre.» Eine schönere Hymne an die blau-weissen Love Mobiles kann man sich nicht ausdenken.
