Tramkolumnen 2007
Noch mehr Liebesgeschichten
20 Minuten; 15. Oktober 2007
Das letzte Mal habe ich von der besonderen Rolle geschrieben, die das Tram bei allerlei Romanzen spielt. Aber die Welt der Liebe ist zu gross, als dass sie sich in einer einzigen Kolumne abhandeln liesse. Deshalb hier noch mehr zum Thema. Einstimmen möchte ich mit einem weiteren Satz aus Hanns-Josef Ortheils neuem Roman «Das Verlangen nach Liebe», eine feinsinnige Geschichte, in welcher unsere Trams als Gefühlsverstärker wirken. Der Protagonist, ein Konzertpianist, erzählt: «Am Bellevue-Platz nahmen wir eine Strassenbahn und fuhren dann die vielen Stationen hinauf auf den Zürichberg, wir sassen dicht nebeneinander, Judith lehnte sich an mich...». Was darauf folgt, können Sie sich in den schönsten Farben ausmalen.
Dass das Tram bei der Partnervermittlung eine grosse Hilfe ist, wissen auch Tramführerinnen und Tramführer der VBZ. Denn es gibt unter uns einige Paare, die sich beim Tramfahren kennen gelernt haben und die noch immer den gleichen Beruf ausüben. Die einen sind seit über dreissig Jahren zusammen, die anderen erst ein paar Wochen, aber alle wirken sehr zufrieden. Das Tramfahren scheint sich positiv auf die Beziehung auszuwirken.
Die meisten Menschen kommen sich am Arbeitsplatz näher, das ist in fast allen Berufen so. Schliesslich verbringt man nur im Bett ähnlich viel Zeit (aber dort liegt man entweder bereits mit seinem Partner oder alleine). Und so finden die Menschen ihre Liebe dann in der Bank (der Marcel Ospel von der UBS seine Adriana), auf dem Tennisplatz (Roger Federer seine Mirka), vom Treiben in Spitälern und Schulen ganz zu schweigen. Wer aber beim Tramfahren eine Beziehung eingehen will, muss ein paar zusätzliche Hürden meistern. Wir haben ja keinen festen Arbeitsplatz, wo man sich zwangsläufig begegnet. Wir sitzen nicht am Computer und können uns keine charmanten Emails hin- und herschicken. Auch Begegnungen in der Mensa fallen ausser Betracht. Je nach Dienstplan sieht man sich über Wochen nicht, weil man dann arbeitet, wenn der andere frei hat oder umgekehrt.
Und sieht man sich dann endlich einmal, wenn sich zwei Trams kreuzen, dann dauert es nur Sekundenbruchteile. Dass solch kurze Begegnungen überhaupt ausreichen, damit sich der Herzschlag zweier Menschen beschleunigt, hängt mit unserem rege gepflegten Tramgruss zusammen. Denn je nach Gesichtsausdruck und Intensität der Bewegungen lassen sich ganz spezifische Signale austauschen. Und danach ist man wieder alleine. Und so können sich auch weniger wortgewandte Menschen in aller Ruhe überlegen, was sie sich genau sagen wollen, wenn sie sich im Depot einmal über den Weg laufen.
Die VBZ unterstützen die Paaren nach Kräften bei der Beziehungspflege. Wenn es zwei ernst meinen, können sie sich in den gleichen Turnus einteilen lassen (so wird bei uns die präzise festgelegte Abfolge der Dienste genannt), so dass sie fortan die gleichen (unregelmässigen) Arbeitszeiten haben. Dann fahren sie oft auf derselben Linie und wissen sogar zum Voraus, wo sie ihren Partner kreuzen werden. Nach der Arbeit müssen sie nicht lange auszuholen, damit der andere den Ärger versteht, wenn wieder ein Fahrgast das Trittbrett blockiert hat. Und sollte es später einmal vorkommen, dass sich die Zuneigung etwas legt und sie lieber wieder mehr Distanz halten, dann lässt sich bestimmt ein Turnusplatz finden, mit dem sie spiegelverkehrt arbeiten.
