Thomas Schenk

Tramkolumnen 2007
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Die Appenzeller kommen!

20 Minuten; 5. November 2007

Von diesem Jahr wird mir etwas besonders in Erinnerung bleiben: die Appenzeller. Noch nie konnte ich in Zürich so viele der eigenwilligen, um nicht zu sagen unorthodoxen Menschen sehen. Es sollen hier keine Clichés über die Bewohner des kleinsten Schweizer Kantons bemüht werden. Ich beschränke mich auf ihren Fahrstil. Und in dieser Hinsicht schlagen Autos mit dem Kennzeichen «AI» alle Rekorde. Weder Fahrverbote noch Einbahnschilder können sie aufhalten, über ausgezogene Sicherheitslinien hinweg werden Kehrtwenden gefahren, und mitten auf den Tramschienen wird Kartenstudium betrieben.

Zum Glück hat mich ein Cousin, der im angrenzenden Toggenburg lebt, rechtzeitig aufgeklärt und davor bewahrt, Despektierliches zu äussern über dieses am Fuss des Alpsteins verwurzelte Volk. Er hat mir nämlich gesagt, dass in vielen der Fahrzeugen gar keine Appenzeller Innerrhoder sitzen. Es handelt sich vielmehr um Menschen aus der ganzen Welt (ich habe lange an einem Wortspiel zwischen Ausserrhoden und Ausserirdisch herum studiert, aber es kam mir nichts in den Sinn).

Die Unterscheidung ist einfach: Autos mit den tiefen Nummern gehören den Einheimischen, ab dem Kennzeichen AI 20’000 handelt es sich ausschliesslich um Mietautos. Das ist seit einigen Jahren so, seit die Appenzeller ihre Motorfahrzeugsteuern gesenkt haben und mit den grossen Autovermietern ins Geschäft gekommen sind. Heute ist jedes zweite Mietauto der Schweiz in Innerrhoden eingelöst. Und so fahren halt auch viele durch Zürich, die von den besonderen städtischen Verkehrsregeln noch weniger verstehen als andere oft geschmähte Fahrergruppen (ich will hier keine Beispiele nennen).

Ich habe durchaus Verständnis für die Schwierigkeiten. Viele steigen direkt aus dem Flugzeug in einen Mietwagen, da sind die Sinnesorgane vom Jetlag noch etwas beeinträchtigt. Und die Reisenden kommen aus ganz anderen Teilen dieser Welt zu uns. Wobei der Wechsel vom Links- auf den Rechtsverkehr die kleinste Schwierigkeit darstellt. Gefährlicher ist der Umstand, dass dort, wo diese Menschen sonst fahren, Fussgänger und öffentlicher Verkehr auf Überführungen beziehungsweise in den Untergrund verbannt sind. Oder dass die Personenwagen in ihrer Heimat kraft ihrer Grösse und Status generell Vortritt haben.

Ich weiss, Touristen gegenüber muss grösstes Verständnis aufgebracht werden. Zahlungskräftige Russen, Inder und Chinesen sollen nicht nur in Schweizer Bergdörfern höflich bewirtet werden. Auch in Zürich ist das Geld der Reisenden willkommen. Und die unerschrockenen Fahrer der Appenzellischen Autos sind besonders gute Devisenbringer. Denn im Gegensatz zu den Pauschaltouristen, die im Bus in zehn Tagen durch Europa gefahren werden, kaufen diese Individualreisenden nicht nur Uhren und Schokolade, sondern unterstützen das hiesige Gewerbe.

Und so kommt es, dass ich dann zusehen muss, wie sie beim Paradeplatz durchs Fahrverbot fahren (es hat ja Platz genug, und vielleicht wollen sie kurz aussteigen und im Sprüngli einen Café trinken). Oder sie wenden ihr Fahrzeug auf dem General-Guisan-Quai kurzerhand und gefährlich knapp vor meinem Tram (der Blick über den See hat ihnen so gut gefallen und sie möchten nochmals zurückfahren und ein paar Erinnerungsfotos machen). Aber muss die Liebe dem zahlenden Gast gegenüber, frage ich mich dann, wirklich grenzenlos sein?