Thomas Schenk

Tramkolumnen 2007
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Ein Volk von Experten

20 Minuten; 19. November 2007

Die Augen offen halten und aus den Beobachtungen die richtigen Schlüsse ziehen: Seit je hat der Mensch auf diese Weise versucht, die Welt zu verstehen. Seit Tausenden von Jahren wird in die Luft geschaut, um den Lauf der Gestirne zu deuten. Es dauerte allerdings eine Weile, bis Nikolaus Kopernikus endlich darauf kam, dass die Erde um die Sonne kreist und nicht umgekehrt.

Beim Tram ist es nicht viel anders. Auf den ersten Blick erscheinen die Umlaufbahnen unserer Fahrzeuge unberechenbar. Doch mit wachem Auge und etwas Geduld lassen sich die inneren Regeln und geheimen Gesetze erkennen, welchen der Ablauf gehorcht. Und weil es in Zürich viele aufmerksame Menschen gibt, ist die Chance gross, dass ich bei meiner Arbeit dem einen oder andern Tramexperten begegnen kann.

Zum Beispiel Fahrplanexperten. Bin ich zur Stosszeit mit Verspätung unterwegs, stehen diese Alphabeten (das heisst Fahrgäste, die des Fahrplanlesens mächtig sind) angespannt an der Haltestelle, sehen mich vorwurfsvoll an und blicken dann auffällig auf ihre Uhr. Als würden wir es extra machen. Besonders schlimm ist es an den Wendeschleifen, beim Klusplatz oder in Wollishofen etwa, wenn sich die Menschen auf dem Perron drängen und ich erst einfahre, obwohl ich laut Fahrplan schon längst hätte abfahren sollen. Für mich ist das jeweils eine gute Übung, bösen Blicken standzuhalten.

Gefährlich wird es bei jenen Spezialisten, die sich zu stark auf die handbreiten weissen Balken verlassen, die zwischen den Geleisen aufgemalt sind und die anzeigen, wo unsere Fahrzeuge zum Stillstand kommen sollen. Viele Fussgänger wollen keinen Millimeter verschenken und zielen konsequent auf den Strich, wenn sie vor einem Tram durchgehen. Das Dumme ist nur, dass der Haltebalken nicht den vordersten Punkt des Fahrzeugs anzeigt, das heisst die Kupplung, sondern die Front des Wagenkastens. Mit anderen Worten: Unsere Trams rollen einen halben Meter weiter, bis sie stehen bleiben, als die kraftsparenden Fussgänger meinen. Logisch führen die Verwechslungen, die sich daraus ergeben, regelmässig zu gefährlichen Annäherungen. Perplexe Menschen sehen sich manchmal genötigt, den Fahrer auf die vermeintliche Ungenauigkeit aufmerksam zu machen. Leider reicht die Zeit nicht, damit ich aussteigen und etwas trammässige Aufklärung betreiben kann.

Besonders nervenaufreibend ist das Fahren bei zögerlich einsetzendem Regen, vor allem zur Herbst-, sprich Laubzeit. Kürzlich war es wieder einmal so weit, ich fuhr mit der Linie 2 vom Farbhof ab, als vereinzelte Tropfen fielen. Die Schienen wurden glitschig und das Fahren ruppig, weil ich zum Anhalten zur rabiaten Schienenbremse greifen musste. Nach nur drei Stationen kam eine ältere Frau zu mir und sagte in vorwurfsvollem Ton, sie müsse sofort aussteigen, «so wie Sie fahren, kriege ich noch einen Herzinfarkt.» Ich versuchte ihr den Grund für die unsanfte Fahrweise zu erklären. Doch sie liess sich nicht überzeugen, «ich kenne das Problem», sagte sie, «aber dass jemand so schlecht fährt wie Sie, das habe ich noch nie erlebt.» Sie stieg aus, und im Rückspiegel konnte ich sehen, wie sie sich demonstrativ hinstellte und auf das nächste Tram wartete. Der Vorfall beschäftigte mich den ganzen Tag. Richtig wütend machte es mich, als Anfänger behandelt zu werden. Und das erst noch vor all den Leuten, die im Tram waren. Ich meine, jeder hat so etwas wie Berufsstolz.