Thomas Schenk

Tramkolumnen 2007
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Angst und Schrecken

20 Minuten; 3. Dezember 2007

Albträume sind alles andere als schöne Erfahrungen. Das Gehirn quält sich mit dramatischen Vorfällen, das Herz rast, und dann wacht man abrupt und schweissnass auf. Deshalb schätzte ich mich extrem glücklich, lange Zeit rein gar nichts vom Tramfahren zu träumen. Ich schlief friedlich und wertete es als gutes Zeichen, dass mich die Arbeit nicht bis in den Schlaf hinein bedrängte. Doch irgendeinmal ist es mit jeder Ruhe vorbei, und so begann ich vom Tram zu träumen. Und zwar folgendes: Ich fahre mit dem Tram den Zürichberg hinunter, auf einmal funktionieren die Bremsen nicht mehr. Sie können sich vorstellen, dass diese Geschichte schlecht ausgeht.

Als der Traum in gewissen Abständen wiederkehrte, begann ich, meine Freunde nach ihren Albträumen auszufragen. Dabei zeigte es sich, dass auch sie sich im Schlaf mit der Arbeit abmühen. Ein Lehrer träumt regelmässig davon, dass er das Schulzimmer betritt und merkt, alle Unterlagen und Prüfungsbögen zuhause vergessen zu haben. Andere bleiben im Stau stecken und kommen zu spät zu einer wichtigen Sitzung. Das hat mich stutzig gemacht. Weshalb spielen wir im Schlaf das Worst-Case-Szenario durch? Ist das ein Zeichen von Stress? Oder bringt es dem Träumenden irgendeine psychische Entlastung?

Wenn ich nicht mehr weiter weiss, suche ich im Internet nach einer Antwort. Betreffend dem Tramfahren stiess auf eine viel sagende Erklärung: «Wer im Traum als Wagenführer ein Tram steuert, trägt eine grosse Verantwortung für viele Menschen und ist dazu auch fähig», hiess es da. Diese Wertschätzung gegenüber unserem Berufsstand und all meinen Kollegen berührte mich. Auch wenn die Frage des Bremsversagens unbeantwortet blieb.

Also rief ich einen befreundeten Psychiater an. Er tat sich schwer damit. Nach langem Überlegen versuchte er mir die sogenannte kognitiveTherapie näher zu bringen. Dort gäbe es den Begriff des «Katastrophisierens».Ängstlichen Menschen, erklärte er mir, könne es helfen, ihre schrecklichsten Vorstellungen durchzudenken. Dabei merkten sie, dass die Welt selbst im schlimmsten Fall nicht untergehe, und dies könne eine Entlastung bedeuten. Es sei möglich, sagte er, dass im Traum ein solcher angstvermindernder Mechanismus spontan auftrete.

Katastrophisieren – dieses Wort musste ich zuerst verdauen. Und als ich soweit war, zweifelte ich daran, ob meine Welt, sollte mein Traum einmal tatsächlich Wirklichkeit werden, nicht doch untergehen würde. Es musste noch andere Erklärungen geben. Mein Freund versuchte es mit Freud. In meinem Fall, meinte er, handle es sich um eine Bewegung, die sich nicht mehr stoppen lassen. Freud habe dies als Angst gedeutet, die Kontrolle über starke Emotionen zu verlieren. «Starke Emotionen?», fragte ich ihn. Er schaute mich an und sagte, «du weisst schon, Sexualität, unkontrollierter Geschlechtsverkehr, etwas in die Richtung.» Ich bedankte mich höflich und legte auf. Mehr wollte ich nicht mehr wissen.

PS. Auch der Psychiater, fand ich später heraus, wird von Albträumen heimgesucht. Die handeln davon, dass er sich mit einer seiner Patientinnen ausserhalb der Praxis trifft und mit ihr intim wird. Worauf er dann, im Traum, aus dem Berufsverband der Psychiater ausgeschlossen wird und so die Bewilligung zum Therapieren verliert.