Thomas Schenk

Tramkolumnen 2008
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The End

4. August 2008

Irgendeinmal ist Schluss. Das ist mit dem Tram nicht anders. Und so heisst es jetzt auch für mich Endstation. Nach fünf Jahren Tramfahren habe ich die VBZ verlassen und konzentriere mich jetzt wieder aufs Schreiben.

Und so habe ich heute die Uniform abgeben müssen, zwei Taschen voll, darunter ungebrauchte Hemden und nie getragene Krawatten. Das meiste wird in die Kleidersammlung gelangen und dann weiter, in den Osten vielleicht oder in den Süden, so dass bald einmal in Rumänien oder in Nigeria freundliche Menschen das VBZ-Logo auf der Brust tragen (im Fall meines Faserpelzes), oder auf dem Rücken (bei meiner schönen Regenjacke). Einmal auf einer Ferienreise auf diese Weise einen vermeintlichen Berufskollegen zu entdecken, das wäre schön.

Am meisten werde ich aber einen, eigentlich unscheinbaren Gegenstand vermissen: den VBZ-1 Schlüssel. Hierbei handelt es sich um einen richtigen Passepartout, denn damit man kommt an alle Orte in Zürich, die wirklich wichtig sind. Am wichtigsten sind, da sonst an sogenannten Bedürfnisanstalten eher ein Mangel herrscht, die dem VBZ-Personal vorbehaltenen Toiletten. Besonders praktisch sind jene beim Bellevue und bei der Gessnerallee. Diese Orte konnte ich mir gut einprägen und habe dort auch in der Freizeit, wenn ich mit Velo und voller Blase unterwegs war, oft kurz eingehalten.

Der Schlüssel hat mir aber zu mehr als bloss temporärer Erleichterung verholfen. Er hat auch überraschende und immer wieder tiefreichende Einblicke erlaubt. Während meiner Tramzeit habe ich meinen Schlüssel an ganz vielen verschiedenen Schlössern ausprobiert. Und so haben sich mir Türen aus folgenden Kategorien geöffnet:

a) lustige blaue Holzkästchen, die an Fahrleitungs- oder anderen Masten angebracht sind; früher, als es noch keine PET-Flaschen gab, soll darin Tee für durstige Tramfahrer bereit gestanden haben.

b) Türen, hinter denen sich winzige, mit Unrat verstellte Räumchen befinden; dort, so habe ich mir immer ausgemalt, sollte man einmal eine Nacht verbringen.

c) geheime Zugänge zu riesigen unterirdischen Gangsystemen; das eindrücklichste befindet sich unterhalb der Haltestelle Bahnhofquai; Hunderte von Menschen können dort Schutz finden.

d) Schliesslich passt der Schlüssel auch bei einigen Lichtsignalanlagen ins Schloss, leider aber nur von der Dimension her – Einfluss auf die Steuerung habe ich damit nie nehmen können.

Das alles ist jetzt vorbei. Was bleibt, ist Erinnerung. Und die Möglichkeit, meine Kolleginnen und Kollegen bei ihrer Arbeit zu beobachten, wenn ich mit dem Velo irgendwo ein Tram kreuze. Oder überhole.